ZUM SONNTAG

Christi Himmelfahrt – Gottes Aufzug

Wenn der Himmel aufreißt, sind wir Gott ganz nahe • Von Achim Plagentz

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Achim Plagentz ist Pfarrer der Stephanusgemeinde in Gießen und für kirchliche Studienbegleitung am Fachbereich Evangelische Theologie der Goethe-Unversität in Frankfurt.

Es ist eines der einfachsten Dinge der Welt. Wenn ich einen Apfel, den ich in der Hand halte, loslasse, fällt er auf die Erde. Erdanziehungskraft habe ich in der Schule gelernt, Gravitation: Es ist mir selbstverständlich, dass alles, was losgelassen wird, wie an Fäden gezogen zu Boden fällt. Die Gesetzmäßigkeiten dazu sind gut erforscht und werden in Ballistik und Sport, in Raumfahrt und Astronomie genutzt.

Wichtiger im Alltag ist, dass wir darauf vertrauen und bauen, dass die Gravitation uns alle schön auf dem Boden hält. Eine Gewissheit, die ich tagtäglich zwischen dem mühevollen Aufstehen und dem abendlichen Ins-Bett-Fallen am eigenen Leib spüre. Christus spricht: »Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.«

Wir denken bei diesem Wochenspruch an die Himmelfahrt Jesu. Dass Jesus erhöht wird, verstehen wir meist so, dass er in den Himmel erhoben wird. In die Sphäre Gottes. Und weil der Himmel von alters her diese ferne unerreichbare Welt Gottes symbolisiert, ist dieser Wochenspruch für unser Verständnis der Himmelfahrt Jesu ganz wichtig. »Ich will alle zu mir ziehen.«

Hier garantiert Jesus, dass seine Himmelfahrt seine Menschwerdung, die die Distanz zwischen Gott und Mensch überwindet, nicht rückgängig macht. Jesus will die Menschen zu sich ziehen. Auch sie, auch wir gehören da hin, in den Himmel, in die Gegenwärtigkeit Gottes.

Gelegentlich neigen wir dazu, den Ausspruch Jesu als Aussage über das Ende der Zeit zu verstehen. Aber warum eigentlich? Geht von Jesus nicht auch jetzt schon, nicht immer schon, dieser Zug nach oben, dieses Hinaufziehen in den Wirkbereich der göttlichen Gnade aus – eine Gravitationskraft, die uns herauszieht aus der Schwere von Schuld und Gewalt, von Verzweiflung und Sinnlosigkeit?

Wie erlebe ich diese umgekehrte Gravitation? Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was mich nach oben zieht. Die Momente, in denen ich mich wie im Himmel fühle. In denen ich das Glück spüre, zum Beispiel im Blick auf meine Kinder. Der himmlische Zeitpunkt, in dem ich mich mit dem Freund aussöhne, mit dem ich mich zerstritten habe. Der Augenblick, in dem gedanklich der Himmel aufreißt und in dem mir eine Wahrheit aufgeht, unverstellt von der Lüge, die es in der Welt gibt.

Steckt darin nicht das, was uns von Gott erzählt wird, der die Welt und die Menschen in ihrer ganzen leibhaftigen Schönheit geschaffen hat, der in Christus die zu sich ruft, die sich in Selbstbezogenheit und Schuld verloren haben, der mit dem Heiligen Geist Einsicht schenkt in die wahre Bestimmung der Welt und meines Lebens? Bevor wir jetzt alle abheben: Im Wochenspruch redet Jesus an dieser Stelle von seiner Kreuzigung. Die Schwere der Erdenlast blenden diese Worte nicht aus. Aber im Kreuz wird nach dem Johannesevangelium all das vollbracht, was Jesus an Himmelswirklichkeit in diese erdenschwere Welt bringt: Versöhnung von Schuld, Triumph über die lebensfeindlichen Mächte, Gemeinschaft mit Gott. Wo immer wir uns da hin ziehen lassen, geschieht auch unsere Himmelfahrt schon jetzt.

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