
Regina Westphal ist Pfarrerin der Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen.
Wo sieht man eigentlich noch unbändige Freude, überlege ich manchmal. Begegnet bin ich ihr an einem für mich überraschendem Ort – im privaten Fernsehen. Seit wenigen Wochen läuft dort eine Dokusoap unter dem Motto »Rock statt Rente – Das Beste kommt zum Schluss«.
Sie funktioniert auch nach dem üblichen Muster, hat jedoch durch die Beteiligten anderen Formaten gegenüber einiges voraus, finde ich. Eine aus Seniorenheimen zusammengewürfelte Gruppe von älteren Menschen, teilweise weit über 80, wagt ein Experiment und lässt sich auf etwas ganz Neues ein: Sie üben als Chor Rockklassiker. Es wird ausnahmsweise einmal nicht durch Schulden, schwererziehbare Jugendliche oder peinliche Offenbarungen spannend, sondern durch die Authentizität von Menschen, deren Gesichter Geschichten erzählen können. Ältere Menschen einmal nicht als Problemfälle oder Kranke, aber eben auch keine Vorzeigesenioren.
Lob der Seele ist keine Partystimmung
Was auffällt: Die unbändige Lebensfreude, die aus den Gesangsversuchen und den Gesichtern spricht. Freundlich gespannt schauen sie in die Zukunft und auf ihren Chorleiter, und doch können sie auch ganz andere Geschichten erzählen.
Man spürt selbst am Fernsehbildschirm eine Lebensfreude, die ein Fundament hat, die aus der Seele kommt – auch wenn gewiss so manches Körperliche zwackt oder so manche verpasste Chance wehtut.
»Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat«: Der Wochenspruch, für diesen Sonntag, lädt dazu ein, sich auch solch ein Fundament zu schaffen. Wer so sprechen und beten kann, ermutigt sich selbst dazu, zurückzuschauen, vielleicht mahnt er auch, das Gute nicht zu vergessen. Denn das ist klar: In jedem Leben gibt es Verzweiflung, Trauer und Schmerz. Erfahrungen, die uns an einem barmherzigen Gott zweifeln lassen. Und doch, nicht nur unser Kopf, sondern auch unsere Seele kann sich erinnern an das, was gut war, an Schätze, die es lohnt, zu bewahren.
Mit der Seele loben ist mehr als äußerliche Fröhlichkeit und Überschwang. Weniger eine aufgesetzte Partystimmung als vielmehr ein Ausdruck von Freude und Gelassenheit, wie er auf den Gesichtern der -alten Menschen auf dem Bildschirm und natürlich auch anderer Menschen, die viel erlebt haben, zu sehen ist. Eine Dankbarkeit an das Leben spricht aus ihren Gesichtern, auch wenn klar ist, dass in ihrem Leben nicht alles rosarot war. Und ich bin mir sicher, dass man diesen Ausdruck nicht spielen kann.
Ich glaube nicht, dass sie auf einem »Highway to hell« sind, auch wenn sie es voller Inbrunst singen. Eher sind sie auf dem Weg in das von ihnen auch besungene »Abenteuerland«, auf der Suche nach dem, was das Leben für ihre Seele an Gutem bereit hält.
Rock statt Rente? Zugegeben, ein bisschen »heilige Verrücktheit« gehört vielleicht dazu, um sich im Alter an die E-Gitarre und hinter das Mikrofon zu wagen. Doch was immer ein Mensch, alt oder jung, fürs eigene Hobby investiert: Es soll Freude machen. Denn aus der Freude wächst die Kraft, sich selbst und Gott zu vertrauen.

