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Nummer 36 vom
5. September 2010

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Thema

Satt, sauber und verlassen

Die Säuglingsheime in den Nachkriegsjahrzehnten waren Horte seelischer Vernachlässigung • Von Gabriela Reff

 

 

FRANKFURT. Noch bis Ende dieses Jahres wird am Runden Tisch die Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren aufgearbeitet. Kaum eine Rolle spielen dabei die Säuglings- und Kleinkinderheime, die die Wissenschaft schon damals als Skandal bezeichnete.

 

Die Selbstdarstellung des Städtischen Kinderheims Fulda auf einer Postkarte Anfang der 1960er Jahre: -hygienisch einwandfrei.

Es sind Zeugnisse trostloser Tristesse: Entlang kahler Wände stehen eng beieinander Gitterbettchen, zumeist aus Metall, manchmal mit Stoff ausgekleidet. Selten ist ein Spielzeug oder ein Kuscheltier zu sehen. Noch auf den Fotos aus den späten 1960er Jahren wirken die Räume ärmlich wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit. In den Bettchen liegen, stehen oder sitzen die Säuglinge, denen ihre äußere und innere Verlassenheit ins Gesicht geschrieben steht.

Rund 20 000 Säuglinge und Kleinkinder wurden jährlich in der jungen Bundesrepublik für kürzere oder längere Zeit in einem Säuglings- oder Kleinkinderheim untergebracht, oft direkt von ihrer Geburt an. Noch 1969 zählte der damalige Direktor des Kinderneurologischen Zentrums Mainz, Johannes Pechstein, 333 Heime mit rund 12 000 Plätzen. Die Kinder waren so genannte Sozialwaisen: Ihre Eltern konnten oder wollten sich aus verschiedenen Gründen nicht um ihren Nachwuchs kümmern. Die meisten von ihnen waren mit dem Makel der unehelichen Geburt behaftet und standen deshalb automatisch unter der Vormundschaft des Jugendamts. Erst 1970 erhielten auch alleinstehende Mütter das Sorgerecht für ihre Kinder.

Einerlei, ob sich die Heime in kommunaler, privater, zumeist aber kirchlicher Trägerschaft befanden – sie litten unter mangelhafter finanzieller Ausstattung und chronischer Unterbesetzung. Pädagogisches Fachpersonal gab es nicht. Oft zehn und mehr Säuglinge mussten von einer Schwester oder Kinderpflegerin betreut werden, die manchmal noch eine Helferin an ihrer Seite hatte. Nebenbei waren Putz-, Näh- und Verwaltungsarbeiten zu erledigen. Die Pflege war auf Effektivität getrimmt. Dem obersten Gebot Sauberkeit und Ordnung wurde alles untergeordnet.

Um möglichst viele Säuglinge auf einmal füttern zu können, wurde die Flasche schräg auf das Kissen vor das Kind gelegt, das alleine trinken musste, berichten etwa Praktikantinnen in Säuglingsheimen 1957 in der Fachzeitschrift »Unsere Jugend«. Klappte das mal nicht, war man nicht zimperlich: »Einmal hat mir Frau Oberin D. mein Kind aus dem Arm genommen, weil ich mit Füttern noch nicht fertig war«, ist die Beschwerde einer Mutter in der Akte des Mutterschutzheims Scheidswaldstraße in Frankfurt am Main protokolliert. »Sie hat dann die Nahrung meinem Kinde so eingestopft, dass es sofort erbrach.«

Ähnliche Geschichten werden in fast allen Zeitzeugenberichten geschildert.

Die größeren Kinder verbrachten Stunden auf dem Topf, wo sie mit Windeln an Tisch- und Schrankbeine angebunden und dann auch gefüttert wurden. Das Trockenlegen fand im Minutentakt statt, Spielzeug gab es nicht. »Es war geradezu verpönt, wenn eine von uns an einem Bettchen saß und mit einem Kleinen spielte«, bedauert eine Praktikantin. Studien wie die der Schweizer Kinderpsychiaterin Marie Meierhofer Anfang der 1960er Jahre zeigten, dass die Kinder gut 23 Stunden am Tag sich selbst überlassen blieben.

Mehrere Praktikantinnen berichten von einem großzügigen Umgang mit Beruhigungsmitteln. »Unruhigen Kindern, die nörgelten oder quengelten, ebenso häufig schreienden Säuglingen wurden grundsätzlich Luminaletten gegeben, mit Einverständnis des Arztes« – ein Medikament, das heute unter das Betäubungsmittelgesetz fällt und nicht einmal auf Rezept zu bekommen ist.

»Die psychosoziale Schädigung Tausender von Säuglingen und Kleinkindern wurde sehenden Auges in Kauf genommen«, urteilt Carlo Burschel. Vor einigen Jahren begann der 48-Jährige seine eigenen Anfänge in einem Fuldaer Säuglingsheim zu erforschen. Am Runden Tisch Heimerziehung ist er an einer Arbeitsgruppe zur Erstellung eines Heimverzeichnisses beteiligt.

Besonders empört den Kaufmann und Soziologen die Ignoranz der Heimleitungen gegenüber den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum so genannten Hospitalismus, die seit den 1920er Jahren vorlagen und zu dem Schluss kamen, dass das Fehlen mütterlicher Zuwendung Schäden bei den Kindern verursache. »Die Kinder können mit zwei Jahren noch nicht laufen, kaum richtig stehen, nichts Festes essen«, berichtete Andreas Mehringer, bis 1969 der Leiter des Städtischen Waisenhauses München. Sie seien beziehungslos, lehnten zärtliche Zuwendung ab, könnten »nicht lachen und nicht weinen, nur schreien«. Kinder, die möglichst früh adoptiert, in Pflege gegeben oder von ihren Eltern aufgenommen wurden, hatten nach Mehringer gute Chancen, sich zu erholen. Für alle anderen setzten sich ihre Probleme fort, meist unerkannt. »Ein Säuglingsheimaufenthalt markierte damals den Beginn einer Heimbiografie, von der heute nur ein Bruchteil, nämlich die Zeit in der Fürsorgeerziehung, im Fokus der Kritik steht«, erläutert Burschel. Dies werde durch die spärliche Aktenlage befördert. Außerdem seien Erfahrungsberichte von Betroffenen nicht zu erwarten, da sie sich an diese frühe Zeit nicht erinnern könnten. Deshalb stellt Burschel die Ergebnisse seiner Recherchen und seine umfangreiche Fotosammlung aus Säuglingsheimen allen Betroffenen im Internet zur Verfügung. Vom Runden Tisch, der wieder am 20. und 21. September in Berlin tagt, fordert er, diesen Lebensabschnitt der Heimkinder stärker zu beachten.

www.saeuglingsheim-archiv.de


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